Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren auf Depressionen
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Epidemiologie und biochemische Hinweise
Die Frage der Wirkung von Omega-3-Fettsäuren auf depressive Episoden oder bipolar affektive Störungen beruhte auf zwei Überlegungen:
- Die Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten haben zu einer erheblichen Verschiebung bei der Aufnahme der essenziellen Fettsäuren geführt. Das früher vermutete Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6 von 1:1 hat sich deutlich zu ungunsten von Omega-3 verschoben (etwa 1:25). Gleichzeitig hat sich die Häufigkeit depressiver Verstimmungen immens (etwa 100-fach) erhöht.
- Die Häufigkeit von Depressionen in verschiedenen Regionen und Ländern der Welt ist sehr unterschiedlich. So ist z.B. die Häufigkeit von Depressionen im Irak zehnfach höher als in Taiwan und in Neuseeland 60-fach höher als in Japan.
Derartige Unterschiede können auf Unterschiede in der Ernährung beruhen und tatsächlich wurden hierzu Hinweise gefunden. Eine Verbindung von Fischkonsum und der Häufigkeit des Auftretens von Depressionen ergab sich nicht nur im Vergleich von neun Ländern (1) und in einer übernationalen Vergleichsstudie (3) sondern auch bei der finnischen Bevölkerung (3). In einer ähnlich groß angelegten Studie (4) wurde ermittelt, dass das Risiko, an einer Depression zu erkranken, für Frauen, die selten Fisch essen, 2,6-fach höher war als bei Frauen, die häufig Fisch zu sich nehmen. Dieses Ergebnis konnte allerdings für Männer nicht bestätigt werden (4).
Diese epidemiologischen Ergebnisse wurden gestützt durch biochemische Analysen, die zeigten, dass die Membranen von Blutzellen depressiver Patienten weniger Omega-3-Fettsäuren enthielten als bei einer gesunden Kontrollgruppe (5). Wichtig scheint aber nicht nur die absolute Konzentration von Omega-3 zu sein, sondern das Verhältnis der Konzentration Omega-6/Omega-3. So konnte gezeigt werden, dass das Verhältnis der Blutspiegel von Arachidonsäure (AA, Omega-6) zu Eicosapentaensäure (EPA, Omega-3) mit dem Schweregrad der depressiven Symptome und der Neurosen anstieg (6, 7).
Wirkungsmechanismus
Die aus den epidemiologischen Studien und den Blut(zellen)analysen gefundenen Hinweise zur Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren in der Depression und die Ergebnisse der klinischen Studien haben eine Diskussion über einen möglichen Wirkmechanismus ausgelöst. Eine direkte Beeinflussung der Serotoninspiegel in den Nervenschaltstellen durch Omega-3 oder das Verhältnis Omega-6/Omega-3 ist nicht gegeben. Es wird aber diskutiert, dass der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in den Phospholipiden der Nervenzellmembranen mitverantwortlich für das Auftreten der Depression sein könnte. Nach dieser „Membranhypothese“ aktivieren die Rezeptoren der Botenstoffe des Nervensystems Enzyme (Phospholipase A2), die aus den Phosphoglyceriden der Membran Fettsäuren an der Position 2 freisetzen und damit eine Reihe von Signalen auslösen können. Enthalten nun die Phosphoglyceride an der Position 2 zu wenig Omega-3 und zu viel Omega-6 (oder andere Monocarbonsäuren) können sich Zellfunktionen bis hin zur Ablesung von Genen verändern und damit das normale Gleichgewicht stören.
Die Membranhypothese zur Wirkung von Omega-3 auf die Depression (8) verfolgt also einen ganz anderen Weg der Erklärung zur Entstehung der Depression als in der medizinischen Forschung. Letztere sieht ja vielmehr einen Mangel an Serotonin im synaptischen Spalt als Ursache an und hat dagegen Medikamente entwickelt. Die bislang ungelöste Frage ist jedoch, ob der Mangel an Serotonin ein Ergebnis oder die Ursache der Depression darstellt. Zumindest werden die Ergebnisse klinischer Medikamentenstudien bis heute kontrovers diskutiert und eine gerade erschienene Analyse dieser Studien hat einen klinischen Nutzen für depressive Patienten durch eingeführte Medikamente bestritten (9).
Klinische Studien zur Wirksamkeit
Ausgangspunkt war eine in 1999 durchgeführte Studie mit 30 Patienten mit bipolar affektiven Störungen. Die Studie (10) erfüllte die notwendigen Qualitätskriterien (randomisiert, doppelblind, kontrolliert) und sollte neun Monate dauern. Die eine Hälfte der Patienten erhielt täglich Fischölkapseln (9,6 Gramm) und die andere Olivenölkapseln. Bereits nach zwei Monaten musste die Studie abgebrochen werden, da die meisten Patienten, die Olivenöl – also kein Omega-3 – erhielten, wegen Wirkungslosigkeit aus der Studie ausgeschieden waren. Hingegen erhöhte die Behandlung mit Omega-3 (Fischöl) die Zeit zwischen Depression und Manie deutlich (Remission). Die Studie zeigte also eine deutliche Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren auf den Krankheitsverlauf. Eine andere, ähnlich aufgebaute Studie wurde mit 70 Patienten mit andauernder Depression durchgeführt (8).
18 Patienten erhielten täglich ein Scheinmedikament, die anderen den Ethylester der Eicosapentaensäure (EPA) in Dosen von 1, 2, oder 4 Gramm. Die Patienten wurden zwölf Wochen lang behandelt. In der „Ein-Gramm-EPA-Ester-pro-Tag-Gruppe“ verbesserten sich die Werte aller drei Beurteilungsskalen deutlich und statistisch gesichert gegenüber der Scheinmedikamentengruppe. Die höheren Dosen von EPA-Ester hingegen waren wirkungslos. Dieses Ergebnis wurde in einer anderen Studie bestätigt, in der 59 Patienten mit bipolar affektiven Störungen mit 6 Gramm EPA-Ester pro Tag über vier Monate behandelt wurden und keine Wirkung erkennbar war (11). Für die nicht vorhandene Dosis-Wirkungsbeziehung gibt es keine eindeutige Erklärung. Diskutiert wird, dass eine zu hohe Dosis von EPA zu einem oxidativen Stress in den Zielgeweben führen und damit die Wirkung auf die Erkrankung überdecken könnte.
Eine weitere Studie konnte die Ergebnisse mit der Dosis von einem Gramm EPA-Ester pro Tag bestätigen. Zwanzig Patienten mit wiederkehrender Depression erhielten ein Placebo oder zwei Gramm EPA-Ester pro Tag als zwei Gaben à einem Gramm morgens und abends. Bereits nach drei Wochen wurden deutliche Verbesserungen in der EPA-Gruppe gefunden. Die Unterschiede zur Gruppe mit Scheinmedikament waren statistisch abgesichert (12). Ähnliche Ergebnisse wurden von einer chinesischen Gruppe veröffentlicht. 28 Patienten mit schweren Depressionen erhielten täglich entweder 9,6 Gramm Omega-3 (Fischöl) oder ein Scheinmedikament. Die Studiendauer betrug acht Wochen. Es fanden sich statistisch bedeutsame Verbesserungen in der Omega-3-Gruppe im Vergleich zur Placebo-Kontrolle (13). Keine Wirkungen auf schwere depressive Episoden wurden für eine andere Omega-3-Fettsäure, der Docosahexaensäure (DHA) gefunden (14).
Zusammenfassung
Hinweise aus der Epidemiologie, von Laboranalysen und von prospektiven klinischen Studien lassen vermuten, dass es zwischen der Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren (alpha-Linolensäure, EPA, DHA) und dem Auftreten einer Depression einen Zusammenhang gibt. Ein Wirkmechanismus wird diskutiert (Membranhypothese), benötigt aber weitere Forschung zur Bestätigung. Omega-3-Fettsäuren wirken aber mit Sicherheit über einen anderen Mechanismus als die verfügbaren Medikamente (Antidepressiva).
Literatur:
(1): Hibbeln JR (1998): Fish consumption and major depression; The Lancet, 351, 1213
(2): Noaghiul S, Hibbeln JR (2003): Cross-national comparisons of seafood consumption and rates of bipolar disorders; Am J Psychiatry 160, 2222-2227
(3): Tanskanen A, Hibbeln JR, Tuomilehto J, Uutela A, Haukkala A, Viinamäki H, Lehtonen J, Vartiainen E (2001): Fish consumption and depressive symptoms in the general population in Finland; Psychiatric Services 52, 529-531
(4): Timonen M, Horrobin D, Jokelainen J, Laitinen J, Herva A, Räsänen P (2004): Fish consumption and depression: the northern Finland 1966 birth cohort study; Journal of Affective Disorders 82, 447-452
(5): Peet M, Murphy B, Shay J, Horrobin D (1998): Depletion of omega-3 fatty acid levels in red blood cell membranes of depressive patients; Biol Psychiatry 43, 315-319
(6): Adams PB, Lawson S, Sanigorski A, Sinclair AJ (1996): Arachidonic acid to eicosapentaenoic acid ratio in blood correlates positively with clinical symptoms of depression; Lipids 31(suppl.), S157-S161
(7): Conklin SM, Manuck SB, Yao JK, Flory JD, Hibbeln JR, Muldoon MF (2007): High omega-6 and low omega-3 fatty acids are associated with depressive symptoms and neuroticism; Psychosom Med 69, 932-934
(8): Peet M, Horrobin D (2002): A dose-ranging study of the effects of ethyl-eicosapentaenoate in patients with ongoing depression despite apparently adequate treatment with standard drugs; Arch Gen Psychiatry 59, 913-919
(9): Irving Kirsch et al.: Public Library of Science Medicine, Vol 5, issue 2, e45; 2008
(10): Stoll AL, Severus WE, Freeman MP, Rueter S, Zboyan HA, Diamond E, Cress KK, Marangell LB (1999): Omega-3 fatty acuds in bipolar disorder: a preliminary double-blind, placebo-controlled trial; Arch Gen Psychiatry 56, 407-412
(11): Keck P, Mintz J, McElroy S, Freeman M, Suppes T, Frye M, Altshuler L, Kupka R, Nolen W, Leverich G (2003): Double-blind, randomized, placebo-controlled trials of ethyl-eicosapntaenoate in the treatment of bipolar depression and rapid cycling bipolar disorder; Biol Psychiatry 60, 1020-1022
(12): Nemetz B, Stahl Z, Belmaker RH (2002): Addition of Omega-3 fatty acid to maintenance medication treatment for recurrent unipolar depressive disorder; Am J Psychiatry 159, 477-479
(13): Su K-P, Huang S-Y, Chiu C-C, Shen WS (2003): Omega-3 fatty acids in major depressive disorder. A preliminary double-blind, placebo-controlled trial; Eur Neuropsychopharmacology 13, 267-271
(14): Marangell LB, Martinez JM, Zboyan HA, Kertz B, Kim HF, Puryear LJ (2003): A double-blind, placebo-controlled study of the omega-3 fatty acid docosahexaenoic acid in the treatment of major depression; Am J Psychiatry 160, 996-998


